Wie zuverlässig sind Smartwatches beim Kalorientracking?
- Pia Brinkmann

- vor 5 Tagen
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Ein kurzer Blick aufs Handgelenk: 8.432 Schritte, 2.150 kcal verbrannt, Schlafscore 82. Für viele von uns gehören diese Zahlen längst zum Alltag. Kalorientracking mittels Smartwatch ist dabei für Viele ein zentrales Feature. Smartwatches, Fitnessarmbänder oder sogar Smartringe begleiten uns durch den Tag und suggerieren Präzision: Bewegung, Herzfrequenz, Energieverbrauch. Alles scheint messbar und objektiv. Sollte man zumindest meinen, oder?
Doch genau hier lohnt sich ein kritischer Blick. Denn was bedeuten diese Zahlen eigentlich? Und vor allem: Wie zuverlässig ist das Kalorientracking mittels Smartwatch, auf das sich viele Menschen im Alltag, beim Abnehmen oder im Sport verlassen?
Kalorien sind keine direkt messbare Größe wie Schritte oder Zeit. Sie werden von Wearables, auf Basis von Algorithmen, Sensordaten und Annahmen über unseren Körper, geschätzt. Ob und wie gut das funktioniert, ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Studien.

Was genau sind Wearables?
Der Begriff Wearables bezeichnet elektronische Geräte, die direkt am Körper getragen werden und kontinuierlich Daten erfassen. Dazu zählen vor allem Smartwatches, Fitnessarmbänder, Smartringe oder Brustgurte. Technisch gesehen kombinieren sie verschiedene Sensoren, darunter Beschleunigungssensoren (Bewegung), Gyroskope (Lageveränderung), optische Sensoren zur Herzfrequenzmessung sowie teils Hauttemperatur- oder Hautleitwertsensoren.
Wichtig ist: Wearables messen nicht Kalorien, sondern erfassen Rohdaten wie Bewegung und Herzfrequenz. Der Energieverbrauch wird anschließend mithilfe proprietärer Algorithmen berechnet. Diese Algorithmen basieren auf Durchschnittswerten, populationsbasierten Modellen und Annahmen über den menschlichen Stoffwechsel. Individuelle Unterschiede können dabei nur begrenzt abgebildet werden.
Was sagt die Studienlage? – Wearables im wissenschaftlichen Check
Mehrere hochwertige Studien haben untersucht, wie genau Wearables den Energieverbrauch erfassen, meist im Vergleich zu sogenannten Goldstandards wie der indirekten Kalorimetrie oder der Doubly-Labeled-Water-Methode.
Ein zentrales Ergebnis zieht sich durch fast alle Untersuchungen: Die Kalorienangaben von Wearables weisen teils erhebliche Abweichungen auf. In der Studie von Murakami et al. (2016, 2019) lag der Fehler je nach Gerät, Aktivität und Person häufig zwischen 20 und 90 Prozent. Besonders im Alltag, also außerhalb standardisierter Laborbedingungen, nahm die Ungenauigkeit deutlich zu.
Auch systematische Übersichtsarbeiten bestätigen dieses Bild. Ein großes Review von Fuller et al. (2020), das zahlreiche kommerzielle Geräte analysierte, kommt zu einem klaren Schluss:
Schritte und Herzfrequenz werden vergleichsweise zuverlässig gemessen
Für den Energieverbrauch erreicht kein Gerät eine klinisch akzeptable Genauigkeit
Die Kalorienzahl ist damit eher eine modellierte Schätzung als ein Messwert.
Warum ist Kalorientracking mittels Smartwatch / Wearables so fehleranfällig?
Der Energieverbrauch hängt von vielen individuellen Faktoren ab:
Körperzusammensetzung (Muskel- vs. Fettmasse)
Bewegungsökonomie
Trainingszustand
Hormonstatus
Alltagsbewegungen, die Sensoren nur eingeschränkt erfassen
Wearables kombinieren meist Bewegungssensoren, Herzfrequenzdaten und eingegebene Körperdaten. Der individuelle Stoffwechsel wird dabei nicht berücksichtigt. Deshalb können zwei Personen mit identischer Uhr und identischem Training sehr unterschiedliche reale Energieverbräuche haben, bei ähnlichen angezeigten Kalorienwerten.
Was kann ich tun, um möglichst realistische Messungen zu bekommen?
Auch wenn die Kalorienangaben ungenau sind, lassen sich Wearables sinnvoller nutzen, wenn man ein paar Punkte beachtet:
1. Fokus auf Trends statt auf absolute Zahlen: Ein einzelner Kalorienwert ist wenig aussagekräftig. Interessant wird es, wenn man Entwicklungen beobachtet: Bewege ich mich langfristig mehr oder weniger? Verändert sich mein Aktivitätsniveau?
2. Gleiche Bedingungen vergleichen: Vergleiche nur Werte, die unter ähnlichen Bedingungen erhoben wurden (z. B. gleiche Sportart, gleiche Uhr, gleiche Trageposition).
3. Herzfrequenz korrekt messen: Ein gut sitzendes Gerät (nicht zu locker, nicht zu fest) verbessert zumindest die Herzfrequenzmessung, welche eine wichtige Basis für viele Algorithmen ist.
4. Persönliche Daten aktuell halten: Alter, Körpergewicht, Geschlecht und ggf. Trainingsstatus sollten regelmäßig aktualisiert werden. Trotzdem bleibt die Schätzung ungenau.
5. Keine toxischen Glaubenssätze verinnerlichen: „Ich habe 600 kcal verbrannt, also darf ich 600 kcal essen“. Diese Logik ist wissenschaftlich nicht haltbar und kann langfristig problematisch sein.
Wann sollte man Wearable-Daten nutzen und wann nicht?
Trotz aller Limitationen: Wearables sind nicht nutzlos. Im Gegenteil. Ihr Wert liegt nur woanders als viele erwarten.
Muster erkennen statt Kalorien zählen
In der Ernährungsberatung und -therapie können Wearable-Daten helfen, Zusammenhänge sichtbar zu machen:
Bewegung und Hungerempfinden
Aktivität und Blutzuckerschwankungen
Stress, Schlaf und Essverhalten
Trainingsbelastung und Regeneration
Nicht die exakte Kalorienzahl ist entscheidend, sondern das Gesamtbild.
Personalisierte Ernährungsberatung
In meiner Ernährungsberatung nutze ich solche Daten nicht als starre Vorgaben, sondern um Muster zu erkennen:
Wie aktiv ist der Alltag wirklich, jenseits von subjektivem Empfinden?
Gibt es große Schwankungen zwischen einzelnen Tagen?
Passt die aktuelle Energiezufuhr zur Belastung, zum Ziel und zum Wohlbefinden?
Gerade in Kombination mit Ernährungsprotokollen und subjektiven Wahrnehmungen können Wearables wertvolle Hinweise liefern.
Tracking kritisch betrachten: Wann macht es keinen Sinn mehr?
So hilfreich Daten sein können...Tracking ist nicht für jede Person und nicht in jeder Lebensphase sinnvoll. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Zahlen die Körperwahrnehmung ersetzen oder dominieren. Ein erhöhtes Risiko besteht insbesondere bei:
bestehenden oder zurückliegenden Essstörungen
stark kontrollierendem Essverhalten
zwanghaftem Bewegungsdrang
hoher emotionaler Abhängigkeit von Zahlen (Kalorien, Schritte, Aktivitätsminuten)
In diesen Fällen kann permanentes Tracking den Fokus weiter auf Kontrolle, Bewertung und „Leistung“ lenken statt auf Hunger, Sättigung, Wohlbefinden und Genuss. Studien und klinische Erfahrungen zeigen, dass Wearables bei vulnerablen Personen restriktives Verhalten verstärken können.
Hier gilt klar: Kein Tracking ist manchmal die gesündere Option. In der Ernährungstherapie wird dann bewusst auf Tracking verzichtet.
Wann kann Tracking sinnvoll sein?
Richtig eingeordnet kann Tracking jedoch auch unterstützend wirken, vor allem dann, wenn es nicht zur Kontrolle, sondern zur Orientierung genutzt wird.
Sinnvoll kann Wearable-Tracking sein bei:
Menschen ohne Essstörungshintergrund
sportlich Aktiven zur Belastungs- und Regenerationssteuerung
sehr inaktiven Personen, um Bewegung sichtbar zu machen
Personen, die ihren Alltag realistisch einschätzen lernen möchten

Du möchtest eine personalisierte Ernährungsberatung?
Wenn du dir eine ganzheitliche, individuelle Ernährungsberatung wünschst, die über starre Kalorienvorgaben hinausgeht, begleite ich dich gerne.
In meiner Ernährungsberatung wird das Ernährungstagebuch nicht händisch, sondern über eine praktische App geführt. Das hat mehrere Vorteile:
Du dokumentierst alltagstauglich und ohne zusätzlichen Stress
Ich habe jederzeit Einblick in deine Einträge
Muster, Zusammenhänge und Herausforderungen lassen sich zeitnah erkennen
Wearable-Daten können nach Absprache sinnvoll mit einbezogen werden, zum Beispiel zu Aktivität, Schlaf oder Belastung. Nicht als Kontrollinstrument, sondern als Ergänzung, um deine Situation besser zu verstehen und Empfehlungen wirklich zu personalisieren.
Wenn du lernen möchtest, deine Daten einzuordnen statt dich von Zahlen verunsichern zu lassen, dann melde dich gerne bei mir.
👉 Kontaktiere mich für ein unverbindliches Erstgespräch unter: info@issdichstark.de oder fülle das Kontaktformular am Ende der Webseite aus.
Fazit
Smartwatches und Wearables liefern viele Daten, aber keine absolute Wahrheit in Zahlenform. Die Wissenschaft zeigt klar: Kalorienangaben sind ungenau und dienen nur als Orientierung.
Richtig eingesetzt können Wearables dennoch helfen, das eigene Verhalten besser zu verstehen, Routinen sichtbar zu machen und Veränderungen zu begleiten. Der Schlüssel liegt nicht im blindem Vertrauen auf Zahlen, sondern in ihrer fachlich fundierten Einordnung.
Quellen:
Fuller, D., Colwell, E., Low, J., Orychock, K., Tobin, M. A., Simango, B., Buote, R., Van Heerden, D., Luan, H., Cullen, K., Slade, L., & Taylor, N. G. A. (2020). Reliability and Validity of Commercially Available Wearable Devices for Measuring Steps, Energy Expenditure, and Heart Rate: Systematic Review. JMIR mHealth and uHealth, 8(9), e18694. https://doi.org/10.2196/18694
Murakami, H., Kawakami, R., Nakae, S., Nakata, Y., Ishikawa-Takata, K., Tanaka, S., & Miyachi, M. (2016). Accuracy of Wearable Devices for Estimating Total Energy Expenditure: Comparison With Metabolic Chamber and Doubly Labeled Water Method. JAMA internal medicine, 176(5), 702–703. https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2016.0152
Murakami, H., Kawakami, R., Nakae, S., Yamada, Y., Nakata, Y., Ohkawara, K., Sasai, H., Ishikawa-Takata, K., Tanaka, S., & Miyachi, M. (2019). Accuracy of 12 Wearable Devices for Estimating Physical Activity Energy Expenditure Using a Metabolic Chamber and the Doubly Labeled Water Method: Validation Study. JMIR mHealth and uHealth, 7(8), e13938. https://doi.org/10.2196/13938
Simpson, C. C., & Mazzeo, S. E. (2017). Calorie counting and fitness tracking technology: Associations with eating disorder symptomatology. Eating behaviors, 26, 89–92. https://doi.org/10.1016/j.eatbeh.2017.02.002







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